Land unter? (Salzburger Nachrichten, Mai 2016)

Während in westlichen Konferenzsälen noch über das Ausmaß des Klimawandels diskutiert wird, haben Menschen im Pazifik längst mit seinen Folgen zu kämpfen. Ein Lokalaugenschein in Papua-Neuguinea

Gestern hat es gestürmt. Die ganze Nacht fuhr ein fauchender Ostwind um die Insel, drückte Palmen gegen den Boden, peitschte hohe Wellen an Land. Heute liegen ausgerissene Palmwedel auf der Erde, abgebrochene Äste blockieren die glitschigen Gehwege. Müde Inselbewohner setzen vorsichtig Fuß an Fuß auf den lehmigen, durchnässten Boden und blicken kopfschüttelnd um sich. Auf Krangket Island hat die Natur wieder einmal gezeigt, wer hier das Sagen hat. Dabei müsste sie das nicht, denn jeder auf der Insel weiß es. „Wir sind den Gezeiten ausgesetzt“ sagt Kerri, der als Fischer täglich aufs Meer fährt und dort von dessen Launen abhängig ist. „Unsere Boote sind klein, und Solwara wird immer unberechenbarer“. Solwara – das „salzige Wasser“, wie die Bewohner Papua-Neuguineas ihr Meer nennen – verändert sich. Und nicht nur für Kerri verändert sich damit auch das Leben.

Im Pazifik ist der Klimawandel kein theoretisches Konzept, keine ferne Gefahr mehr. Hier ist er Alltag, und er bestimmt das Leben der Menschen schon heute. In einer Region, die vor allem aus Wasser besteht – und die mit gigantischen 714 Millionen km³ die Hälfte der weltweiten Meeresoberfläche bedeckt –, zeigen sich die Symptome der globalen Erderwärmung früh. Veränderte Niederschlagsmuster, zunehmende Extremwetterlagen, vor allem aber der steigende Meeresspiegel machen den 15 Millionen Bewohnern der pazifischen Inseln das Leben zunehmend schwer. In den Schulen Melanesiens, Mikronesiens und Polynesiens lernen Kinder schon in den ersten Klassen, was es mit dem Klimawandel auf sich hat und wie er ihr Meer verändert.  Wie es stärker wird und immer wärmer, wie sich sein Salzwasser in Böden frisst und Küsten wegspült, wie es Ackerland vernichtet und Süßwasser untrinkbar macht, wie es Korallen und Fischbestände zerstört, wie es vor allem immer weiter ansteigt und die Zukunft ihrer Heimat bedroht. In erschreckten Kindergesichtern kann man dann erkennen, was Umweltaktivisten, Politiker und Wissenschaftler trotz jahrelanger Appelle im Westen nicht zu erzeugen vermochten: Besorgnis, Bestürzung, Angst.

Dass diese Reaktionen nicht unbegründet sind, rechnet die Klimaforschung seit Jahren vor. Um durchschnittlich 3,5 Millimeter hat sich der Meeresspiegel seit Beginn der 1990er pro Jahr erhöht, bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte der Anstieg einen gesamten Meter betragen. Trifft diese Prognose ein, würden sich bald Wellen türmen, wo heute noch gewohnt, gefischt und gelebt wird. Denn viele der 30.000 Pazifikinseln ragen nur wenige Meter aus dem Wasser und wären mit dem vorhergesagten Anstieg in ihrer Existenz bedroht. Die Eilande gehen langsam unter, und die Menschen mit ihnen. In Millionen-Höhe schätzt der Weltklimarat IPCC die Anzahl jener, die bis zum Jahr 2100 weltweit küstennahe Gebiete wegen des steigenden Meeresspiegels verlassen werden müssen. Zur Flucht zwingen wird dabei aber meist nicht der tatsächliche Untergang der Heimat, sondern viel öfter ihre langsame Zerstörung in Form von Erosion, Versalzung und Verödung. Nicht die eine große Welle wird Land vernichten und Menschen in die Fremde spülen, sondern unnachgiebiger, steter Tropfen.

Auf Krangket Island kann man sehen, wie dieser stete Tropfen den Stein höhlt. Im Norden der Insel sind entwurzelte Baumriesen ins Wasser gekippt, der Wellengang hat zu stark an ihren Fundamenten gezerrt. An der Ostseite ist das Meer schon weiter, der Küstenstreifen zur Gänze erodiert. Gesäumt von löchrigem Gestein, zeugen nur mehr vereinzelte, verdorrte Baumskelette von einer besseren Vergangenheit. Buri, ein Cousin von Kerri, kann sich an diese Vergangenheit noch gut erinnern: „Als ich ein Kind war, standen hier mächtige Talisbäume und schützten die Insel vor dem Wind“. Heute bläst er ungehindert, und er bringt die Gischt vom Meer mit. Immer tiefer dringt der feine Sprühregen in das Landesinnere vor und versalzt Ackerböden, Gemüsebeete, Brunnen. Aber Buri gibt sich optimistisch, während er mit seinen Flipflops von einem scharfen Stein auf den nächsten hüpft: „Das Meer ist nicht immer einfach, aber es ist immer gut zu uns. Es ernährt uns“. Den letzten Satz kann man kaum mehr hören, die Brandung ist zu laut.

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