Für eine Handvoll Muscheln (Wiener Zeitung, September 2016)

Während mein Geld zuhause in Europa immer weniger wert wird, zahle ich in Papua-Neuguinea mit Muscheln. Ein Selbstversuch mit einer krisensicheren Währung

 

Ich habe viel Geld getauscht in meinem Leben. Euroschein um Euroschein habe in die Wechselstuben fremder Länder getragen, um dann mit indischen Rupien, marokkanischen Dirham, thailändischen Bhat, mexikanischen Pesos, ghanaischen Cedis, amerikanischen, kanadischen oder fidschianischen Dollars wieder hinauszugehen. Doch mit jeder exotischen Währung schiebt man mir immer auch ein spontanes Gefühl des Zweifels mit über den Tresen: Das soll Geld sein? Diese Stücke Papier, mit ihren seltsamen Formen, Farben und Symbolen, sollen Wert besitzen? Mit diesen bunten Scheinen soll sich in dieser Welt etwas ausrichten lassen? Wie zu Beginn einer Partie Monopoly fühle ich mich jedes Mal, wenn ich mit dem frischen Bündel auf die fremde Straße trete. Doch siehe da, man lässt mich mitspielen in der fremden Ökonomie, und schon nach wenigen Zügen – dem Begleichen der Taxirechnung, dem Kauf einer Flasche Bier – ist der stille Zweifel verflogen. Das Geld ist wertvoll, mein kurzzeitiger monetärer Vertrauensverlust ein weiteres Mal unbegründet.

Dieses Mal aber stelle ich mich auf längere Skepsis ein. Denn ich bin an einen Ort gereist, in der meine Wechselstube aus Bambus, der Umrechnungskurs eine Armlänge und die Währung eine Muschel ist. Auf Neubritannien, einer abgelegenen Außeninsel des pazifischen Staates Papua-Neuguinea, wird noch mit Muschelgeld bezahlt. Ein traditionelles Währungssystem hat die Jahrhunderte überlebt, und ich möchte es drei Tage lang in der Moderne erleben. Kann es sie wirklich geben, die Muschel in Zeiten des Kapitalismus? Und kann sie uns etwas lehren über den Wert des Geldes?

Muschelgeld am Markt von Kokopo

 

Tag Eins

 

Links liegt ein Papierschein, rechts liegen eineinhalb Kilo Muscheln. John schiebt den Haufen noch ein Stück weiter in meine Richtung, dann nimmt er den Schein und steckt ihn in seine Hosentasche. 50 Kina ist beides wert, ungefähr 15 Euro, aber ein Wechselkurs ist nirgends angeschlagen an John Kalumik’s Muschelgeldbank. „Es gäbe auch gar keine Wand dafür“ lacht er und blickt auf seinen hölzernen Verkaufsstand: Vier Pfosten und ein Dach, viel mehr ist da nicht. Eine Finanzinstitution sieht anders aus. Nun befinden wir uns aber auch nicht unbedingt im Zentrum des globalen Finanzkapitals, sondern auf einer Landstraße im ländlichen Papua-Neuguinea. Dort, im äußersten Norden von Neubritannien, fünfzehn Minuten von der ehemaligen Kolonialhauptstadt Rabaul entfernt, betreibt John seit vielen Jahren sein Geschäft. Das Geschäft mit Tabu, dem Muschelgeld der Tolai. Am Straßenrand, umgeben von tropischem Dschungel, tauscht er Geld gegen Muscheln und Muscheln gegen Geld. Gegenstand seiner Transaktionen: Kleine, weißgraue, zurechtgefeilte Muscheln, aufgefädelt an einem dünnen Faden. Ihre Maßeinheit: Die Armlänge. „Von einer Handspitze zu anderen muss die Kette reichen“ sagt John und streckt dabei die Arme, „dann hast du einen Pokono“. 5 Kina ist der Pokono derzeit wert, das ist der aktuelle Wechselkurs. Ich schaue auf den Muschelhaufen vor mir und rechne: „Also besitze ich jetzt 10 Pokonos?“ John lacht: „Fast“. Provision gibt es also auch im Busch. Dieser Mann weiß, was seine Leistung wert ist und was seine Währung. Denn die Muscheln sind schwer zu bekommen und aufwendig zu bearbeiten, das verhindert ihre Entwertung. „Papiergeld kann man morgen schon wertlos sein, die Muschel aber niemals“ sagt John und ist deshalb überzeugt: „Tabu wird es immer geben“.

Tatsächlich hat das Muschelgeld der Tolai eine lange, seit 1880 dokumentierte Geschichte und seine Wertbeständigkeit über Jahrhunderte unter Beweis gestellt. Nicht einmal die deutsche Kolonialmacht, die die Währung – zuerst 1902 für den Tausch gegen europäische Waren, dann 1914 grundsätzlich – verboten hat, konnte ihre Verwendung verhindern. Auf der Gazelle-Halbinsel, unter den einhunderttausend Angehörigen des Stammes der Tolai, wurde ununterbrochen mit Muscheln bezahlt, getauscht, beschenkt, und das traditionelle Zahlungsmittel scheint sich damit in die Moderne, in diesen Julinachmittag des Jahres 2016, auf den Tisch zwischen mir und John gerettet zu haben. Unschlüssig greife ich nach meinem neuen Investment, und ungläubig hebe ich es hoch. Das müssen fast zwanzig Meter Schnur sein, dicht besetzt mit geschliffenen Muscheln. So viel Gegenwert hätte ich nicht erwartet für einen einzelnen Papierschein. Und was soll ich jetzt tun damit? Kann man wirklich bezahlen mit dieser archaischen Kette? Hundert Jahre, nachdem in Papua-Neuguinea das Papiergeld eingeführt worden ist?

 

Tag Zwei

 

In Nanuk kann man. Ich betrete das kleine Dorf mit neuneinhalb Armlängen geballter Wertbeständigkeit, mit sieben davon verlasse ich es wieder. An jedem Verkaufsstand schneidet man mir ein Stück der Kette ab: Einen halben Pokono für eine Dose Cola hier, einen ganzen Pokono für die Portion Reis im Bananenblatt dort. Die Muschel funktioniert tatsächlich, man kann sie im 21. Jahrhundert auf einen Tresen legen und erhält Waren dafür. Warum überrascht mich das bloß so? Sind diese feingeschliffenen Muscheln nicht mindestens ebenso vertrauenswürdig wie meine farblosen Euromünzen zuhause? Fühlt sich diese meterlange Kette in meinen Händen nicht solider an als der flattrige Kontoauszug meiner Hausbank? Die Ziffern, die auf ihm stehen, sind grau und nicht mehr als ein Versprechen – meine Bank sichert mir damit zu, mein Guthaben jederzeit bar auszubezahlen. Und für mein Geld gilt dasselbe, nur versprechen mir hier Regierung und Notenbank, dass ich mir für diese Lappen Papier auch in Zukunft noch etwas werde kaufen können. Was besitze ich also? Ein ordentliches Gegenparteirisiko und Ansprüche an Bank und Regierung. Wie abstrakt ist das doch im Vergleich zu meinen Muscheln. Mit ihnen hege ich keinen Anspruch, an niemanden. Ich sitze auf der umgebauten Ladefläche eines LKWs und freue mich: Die tropische Landschaft zieht vorbei, die Provinzhauptstadt Kokopo ist nicht mehr weit, und in der Bambustasche zu meinen Füßen befindet sich ein Guthaben, dass von den Unwägbarkeiten des internationalen Finanzsystems zur Gänze isoliert ist. Krise? Interessiert mich nicht!

 

Lange hält er nicht, mein tropischer Rettungsschirm, denn den Busfahrer interessiert mein Muschelgeld nicht. „Damit kann man hier nicht zahlen“ sagt er, und ich verstehe bald, dass er die ganze Stadt damit meint. Am Markt von Kokopo kann ich die Arme strecken, so weit ich will, ich erhalte keine Banane, keine Betelnuss, keine einzige Orange dafür. „Tabu nehmen wir nicht“ klärt mich eine Kokosnuss-Verkäuferin auf, „Nur K.I.N.A.“ ruft mir eine Bäuerin hinter ihren Tomaten zu und betont dabei jeden Buchstaben. Ich verstehe ihre Worte, aber ich verstehe das Problem nicht: Habe ich nicht erst vor zwei Stunden mein Mittagessen mit Tabu bezahlt? Ist in dieser Gegend nicht Muschelgeld in der Höhe von 2 Millionen Euro im Umlauf ? Fördert es die Lokalregierung nicht seit 2002 als offizielle Komplementärwährung, um ihre Wirtschaft von den Schäden der Globalisierung zu bewahren? Warum also will hier niemand mein Muschelgeld? „Weil Tabu nicht einfach Geld ist“ erläutert mir schließlich Lynette. Sie betreibt einen Kiosk an der Bushaltestelle, und neben Getränken und Suppenwürfel verkauft sie auch Tabu. Anders als in den Dörfern wird es hier zwar kaum mehr als Zahlungsmittel akzeptiert, aber sein eigentlicher Sinn liegt anderswo. „Wir verwenden es für wichtige Ereignisse in unserem Leben, bei Hochzeiten, Begräbnissen oder Initiierungen.“ Anthropologen würden sagen: „Tabu ist eine soziale Institution“, Lynette sagt: „Ohne Tabu geht gar nichts“. Denn Tabu führt und hält jene zusammen, die es miteinander tauschen. Wer Muschelgeld gibt, der will mehr als eine Schuld begleichen, der will Beziehungen pflegen. Wenn mit ihm Brautpreise beglichen, Trauerfeiern ausgerichtet, Streitigkeiten befriedet und sogar Straffälligkeiten kompensiert werden, dann geht es dabei nicht um Geld. Es geht um Vertrauen, Vergebung, Respekt, und Freundschaft. Es geht um Interaktion, persönliche Bande und sozialen Zusammenhalt. Kurzum: Es geht um nichts Geringeres, als um die Integration der Gesellschaft. Ich blicke in meine Tasche und begreife, dass ich ihren Inhalt drastisch unterschätzt habe.

 

Tag Drei

 

Tabu ist kein Zahlungsmittel im geldwirtschaftlichen Sinne, sondern untrennbar mit Kultur, Religion und Sozialem verbunden. Trotzdem habe ich noch sieben Armlängen davon, und mein Flug geht in vier Stunden. Ich werde bis dahin keine Braut bezahlen, kein Begräbnis besuchen, hoffentlich keine Straftat begehen. Was also tun mit diesen fünfzehn Metern? Die Fahrt zum Flughafen kann ich damit nicht bezahlen – der Taxifahrer schüttelt den Kopf, er heiratet heute auch nicht mehr –, im Café der Abfahrtshalle brauche ich es wahrscheinlich gar nicht erst zu versuchen. Ich will schon einchecken, da sehe ich hinter dem Flughafen, am äußersten Rand des Parkplatzes, ein Dutzend hölzerne Verkaufsstände. Ich habe Zeit, ich habe Durst, ich habe Muscheln, ich habe nichts zu verlieren – und tatsächlich, gleich am ersten Stand ernte ich freundliches Kopfnicken für meinen Zahlungsvorschlag. Ich schiebe Tabu über den Tresen, man schiebt mir eine Kokosnuss zurück. Einmal, zweimal spannt die Verkäuferin die Arme, und die Muscheln glänzen dabei in der Morgensonne. „Wie schön dieses Geld ist“ denke ich plötzlich und mir kommen die Euro-Noten in meinem Rucksack in den Sinn. Würde ich diese Scheine jetzt auf den Verkaufsstand legen, neben den Muscheln sähen sie künstlich und wertlos aus. Denn es ist nichts Schönes an ihnen, und es ist auch nichts Schönes an der Art, wie sie weitergegeben werden. Und doch haben sie sich verselbstständigt, sind nicht mehr Mittel zum Zweck sondern zum Zweck selbst geworden. Wir laufen ihnen nach, drehen uns im Kreis, richten unser Leben aus nach ihnen und halten am Ende doch nicht mehr in den Händen als leblose Stücke Papier. Das Gefühl von Monopoly, es überkommt mich auf dieser Reise erst zum Schluss.

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