„Du laufen geht wo?“ (Wiener Zeitung, April 2017)

Auf einer abgelegenen Insel vor Papua-Neuguinea wird Deutsch gesprochen: Eine Expedition zu den sprachlichen Ruinen eines gescheiterten Kolonialreichs.

Nichts ist übrig geblieben, alles ist vergangen. Unter tropisches Dickicht und in Vergessenheit geraten. Auf die koloniale Vergangenheit dieser Pazifikinsel deutet hier nichts mehr hin, ihre Plantagen, ihre Faktoreien und Verwaltungsgebäude sind allesamt verschwunden. Es ist, als wären die Deutschen niemals hier gewesen. Wäre da nicht dieser seltsame Grabstein. Er steht am Friedhof der katholischen Missionsstation von Kokopo, und auf ihm steht der Satz: „Aufwiedersehn meine Liebling“. Es sieht aus, wie ein Rechtschreibfehler. Aber das ist es nicht. Der Satz ist nicht falsch geschrieben, sondern in einer anderen Sprache. Einer Sprache, die vor über hundert Jahren von Kindern erfunden wurde. Die niemand verschriftlicht und kaum jemand erforscht hat. Und die es bald nicht mehr geben wird. In den dunklen Stein dieses Grabes gemeißelt sind vier Worte der Sprache „Unserdeutsch“. Es ist die einzige deutsch-basierte Kreolsprache der Welt.

Linguistisches Relikt

„Unserdeutsch“ ist ein linguistisches Relikt. Nur mehr hundert Menschen sprechen diese Sprache, die aus einer anderen Zeit stammt und einer anderen Welt. Aus einer Zeit, in der das neunzehnte Jahrhundert in das zwanzigste überging und westliche Imperialmächte die Erde beherrschten. Aus einer Welt, in der weiße Kolonialherren in leinenen Tropenanzügen durch ferne Gebiete wandelten und dort die Fahnen ihrer Heimat in fremden Boden stießen. Eine Welt mit willkürlichen Grenzen und mit willkürlichen Namen. Eine Welt, in der die Südsee deshalb deutsch war, in der Papua-Neuguinea „Kaiser-Wilhelmsland“ hieß und das Meer davor „Bismarksee“. In dieser See, im südwestlichen Pazifik und tausende Kilometer entfernt von Berlin, unterhielt das Deutsche Kaiserreich zwischen 1885 und 1914 seine Südsee-Kolonie. „Deutsch-Neuguinea“ unterschied sich von den anderen fünf deutschen Schutzgebieten in Afrika und China in Vielem, aber seine Kolonisierung folgte dem bewährten Muster: Zuerst kamen die Entdecker, dann die Missionare und Kaufleute, schließlich die Beamten. Die Missionare brachten die Bibel mit, die Kaufleute ihre Waren und die Beamten ihre Gesetze. Und sie alle brachten ihre Sprache. Deshalb hieß die Stadt, in der sich heute jenes seltsame Grab befindet, damals nicht Kokopo. Sie hieß „Herbertshöhe“, und sie war für fünfzehn Jahre der Verwaltungssitz der deutschen Kolonie. Zweimal war man zuvor schon umgezogen, an beiden Standorten raffte die Malaria die Auswanderer hin wie die Fliegen. Auf der dem Festland vorgelagerten Insel „Neupommern“ hoffte man auf ein gesünderes Leben, den vielen Vulkanen und feindselig gesinnten Ureinwohnern zum Trotz. Die Hoffnung erschien sich zu erfüllen, und bald reihten sich die Beweise deutscher Effizienz entlang der nördlichen Blanchebai zwischen Herbertshöhe und Rabaul: Regierungsgebäude, Krankenhäuser, Handelsniederlassungen, Kirchen. Die Beamten trieben Steuern ein und die Unternehmer enorme Gewinne, nur die Missionare waren nicht zufrieden.

Man spricht Deutsch

Während die Faktoreien vor Waren überquollen, blieben die Kirchen leer. Irgendetwas schien man falsch zu machen, die Bekehrung erwachsener Heiden ein aussichtsloses Unterfangen. Die katholischen „Herz-Jesu-Missionare“ versuchten sich deshalb an einer neuen, radikaleren Strategie: Anstatt sich auf widerstandsfähige Erwachsene zu konzentrieren, sollten fortan Kinder im Mittelpunkt des Bekehrungsbemühungen stehen. Waisenkinder aus der Umgebung wurden zu diesem Zweck in die geschlossene Erziehungsanstalt der Missionszentrale gebracht, um dort in einem geschützten, isolierten Umfeld sozialisiert zu werden. So sollte ein christlicher, „mixed-race“ Kern enstehen, der später auf die Gesellschaft wirken würde. Wo heute das Grab von „meine Liebling“ steht – in der Missionszentrale Vunapope bei Kokopo –, befand sich damals eine deutschsprachige Parallelwelt. In ihrer Schule wurde Deutsch gelehrt, in ihrer Erziehungsanstalt Deutsch als Standardsprache gefordert. In ihren lokalen Stammessprachen konnten sich die Kinder nicht unterhalten, und die regionale Umgangssprache Tok Pisin wurde ihnen verboten. Es war ein sprachliches Gefängnis, aber die kleinen Gefangenen fanden Schlupflöcher: In Pausen und unbeobachteten Momenten, in Gemeinschaftsräumen und Schlafsälen verständigten sich die Kinder, so gut sie konnten. Und mit was sie kannten – Deutsch und Tok Pisin. Ein Jugendslang entstand, ein Sprachenknäuel, das weiter und immer weiter gerollt wurde und schließlich zu einer Sprache führte. Eine Sprache, die den Kindern gehörte, ihnen ganz allein. Es war nicht das Deutsch der Weißen, nicht das Deutsch der Erwachsenen. Es war „Unserdeutsch“.

Entfernte Verwandtschaft

Als deutschsprachiger Hörer kann man viel davon verstehen. So wie die Grabinschrift am Missionsfriedhof, so ähnelt auch der restliche Wortschatz dem Hochdeutschen in großen Teilen. Zu neunzig Prozent sind die Wörter ident, auch wenn ein paar Eigenheiten ihnen manchmal seltsame Klänge geben und aus einem Frühstück ein „Frihstick“ machen, aus einer Pflanzung eine „Flansung“, oder aus einem Geschäft einen „Schtore“. Der große Unterschied liegt aber in der Grammatik. Es gibt keine Zeiten: „I geht“ kann „Ich gehe“ bedeuten oder „Ich bin gegangen“. Es gibt nur einen Einheitsartikel und kein „der“, „die“ oder „das“: „De Mann“ hat denselben Artikel wie „de Frau“. Und Frageworte stehen am Schluss: Anstatt „Wohin läufst du“ fragt man „Du laufen geht wo?“. Dass sie die Sprache ihrer Erzieher recht frei interpretiert haben, war den jungen Sprechern wohl bewusst. “Falsche Deutsch“ nannten sie ihre Kreation deshalb, oder „Kaputtene Deutsch“. Besonders kaputt kann ihre Sprache aber nicht gewesen sein, denn sie funktionierte über Jahrzehnte und Generationen lang. Für ihre kleinen Erfinder entwickelte sich „Unserdeutsch“ schnell zur identitätsstiftenden Gruppen- und Alltagssprache, die Generation nach ihnen erwarb sie bereits als Erstsprache. „Nativisierung“ nennen Linguisten diesen Vorgang. Es ist der letzte Schritt, der aus einem Jargon oder Pidschin eine tatsächliche Kreolsprache macht, und in jener Missionsstation am Rande von Herbersthöhe wurde er in kürzester Zeit genommen. „Unserdeutsch hat sich so zur einzigen, deutsch-basierten Kreolsprache der Welt entwickelt“ sagt der amerikanische Linguist Craig Volker, der das Phänomen in den 1980ern als Erster beschrieben hat. „Dass es sich so schnell stabilisieren konnte, lässt sich auf die soziale und geographische Isolation der Kinder zurückzuführen. Und auf den Umstand, dass diese Sprache enorm identitätsstiftend für die Gruppe war.“ Im Gegensatz zu anderen pidginierten Sprachen, die zumeist im Arbeitskontext entwickelt und für Kommunikation außerhalb der eigenen Gemeinschaft verwendet wurden, war „Unserdeutsch“ in erster Linie an der eigenen Gruppe orientiert. Wie groß diese Gruppe war, kann heute nicht mit Sicherheit gesagt werden – Schätzungen reichen bis maximal eintausendfünfhundert Sprecher –, aber die Kohäsion innerhalb der Gemeinschaft war stark. Ihre Mitglieder blieben ein Leben lang eng miteinander verbunden, zuerst als Schüler der Kolonialherren, später als ihre Arbeitskräfte. Und auch dann noch, als die Weißen das Land verlassen mussten und ihre Heimat plötzlich nicht mehr „Neupommern“ hieß, sondern „New Britain“. Deutschland verlor den Ersten Weltkrieg, und damit auch seine Kolonien: Die Südsee war nicht mehr deutsch, „Deutsch-Neuguina“ Geschichte. Die Beamten mussten ihre Amtsstuben räumen und die Unternehmer ihre Warenlager, nur die Missionare durften noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bleiben und Deutsch weiterhin als Unterrichtssprache lehren. Danach war es auch damit vorbei, Deutsch im ganzen Land verboten und die Kolonie nicht mehr als eine vage Erinnerung. Nur am Rande dieser Stadt, die einmal Herbersthöhe hieß und jetzt wieder Kokopo, konnte man weiterhin den Klang einer eigenwilligen Sprache vernehmen. Die Kolonie war tot, aber „Unserdeutsch“ lebte weiter.

 

Sprachtod

Doch jetzt steht das Ende bevor. Heute gibt es nur mehr rund einhundert Menschen, die die Sprache beherrschen, und alle befinden sie sich in fortgeschrittenem Alter. Ihre Gruppe ist zerfallen, der Großteil von ihnen hat das Land nach seiner Unabhängigkeit verlassen. In Papua-Neuguinea leben nur noch zehn Sprecher, die restlichen neunzig verstreuen sich über die Ostküste Australiens. Die Weitergabe an die nächste Generation ist abgebrochen – und die Diagnose für den deutschen Linguisten Péter Maitz damit klar: „Nach einer kurzen, zwei bis drei Generationen umfassenden progressiven Phase setzte in den 1960er Jahren die Phase des Untergangs ein. Heute befindet sich „Unserdeutsch“ im letzten Stadium vor dem Sprachtod“. In zwanzig, dreißig Jahren wird die Sprache ausgestorben sein. Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes wollen Maitz, Volker und Kollegen der Universität Augsburg diese „vergessene koloniale Varietät“ deshalb dokumentieren, bevor es zu spät dafür ist. In ihren letzten Jahren soll eine Sprache aufgezeichnet werden, die zuvor niemals niedergeschrieben wurde. Von der es keine Dokumente gibt, keine materiellen Beweisstücke und keine verschriftlichten Relikte, außer ein paar Grabsteine auf einem verwachsenen Missionsfriedhof. Nichts ist übrig geblieben, alles ist vergangen. Aber die Sprache, die die Kinder von Neupommern vor hundert Jahren erfunden haben, die gibt es trotzdem noch. Ihr letztes Wort ist noch nicht gesprochen.

 

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